4. Mai 2021, 00:04
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Linux Smartphone Projekt - Teil IV

Positionsbestimmung im Mai 2021

Ein gutes halbes Jahr ist seit dem letzten Teil dieser Serie vergangen. Zeit für eine neue Positionsbestimmung und Beantwortung der Frage: Ist das Pinephone fit für den Alltag?

Das klare „Nein“ aus dem ausgehenden 2020 ist einem vorsichtigen „es kommt darauf an“ gewichen. Die Entwickler aller verschiedenen Community-Editions leisten im Hintergrund beachtliche Arbeit und verbessern Stück für Stück nicht nur jeweils Ihre Distributionen sondern die Plattform als Ganzes.

Phosh - Eine Love and Hate Beziehung

Aus einer Laune heraus habe ich eines Abends Phosh1 mit gdm ersetzt. In etwa so, wie von der Couch aufstehen, “Hole kurz nur Zigaretten” vor sich nuscheln und dann nie mehr wiederkommen. Der Wechsel klappte über SSH wunderbar. Das im Vergleich zum schlanken Phosh eher vollschlanke Gnome ist auf dem kleinen Pinephone nutzbar und machte Spaß. Alles andere als behäbig! Endlich sind auch komplexe alphanumerische Benutzerpasswörter sowie mehrere Benutzerprofile möglich - alles was bei Phosh nicht geht2. Nur die virtuelle Tastatur von Gnome machte keinen Spaß und kam nur bis zur Hälfte “hoch”.

Es folgte eine kurzweilige Affäre mit KDE Plasma3, wo ich Gefallen an der frischen UI fand. Irgendwann verflüchtigt sich der Reiz des Neuen wieder und sexy Aussehen ist nicht alles. Am Ende des Tages führte mich der Weg wieder zurück auf die Couch in die Arme von Phosh. Es ist funktionaler und sieht nicht ganz so „unfertig“ aus, lieben werde ich es jedoch nie.

Stetige Verbesserungen

Einen kräftigen Satz nach vorne habe ich im März4 feststellen können als das Debian-Projektteam eine Trennung in unstable und testing Zweig vornahm. Zuvor habe ich erstmals mit dem Installer-Image auch eine Laufwerksverschlüsselung einrichten können. Alles noch „bumpy“ vom optischen UX/UI-Gesamteindruck. Die inkonsistenten Tastaturen, die eine Eingabe einer langen Passpharse zum Glücksspiel machen. Klartext gibt es nicht und ein unbemerkter, dämlicher Tippfehler kann zum Lockout führen, was mir genau auch einmal passiert ist.

Auch die Festlegung der PIN ist mit der Vorschau auf oder genau in der nächst höheren Zahl extrem gewöhnungsbedürftig. Ich war mir bei der Erstbenutzung nicht mehr sicher, was ich eingegeben habe.

Festlegung der PIN im Debian-Installer

Das Ergebnis passte wieder: Ein vollverschlüsseltes Gerät lag neben mir, bereit es erstmalig auch außerhalb des Hauses mitzunehmen. Ein „ufw default deny incoming“ und ein aktiviertes usbguard verschafften ein lange nicht mehr erlebtes Sicherheitsgefühl auf einem Smartphone.

Wer den besonderen Kick von unstable braucht, kann durch Anpassung der Paketquellen in der /etc/apt/sources.list.d/extrepo_mobian.sources wieder zurück. Einfach alle Einträge von mobian auf unstable ändern5.

Die größte Überraschung ereignete sich Anfang April. Kurz zuvor habe ich den Entschluss gefasst, das Pinephone tagsüber neben mir am Schreibtisch eingeschaltet mitlaufen zu lassen. Gegen Abend habe ich es dort liegen gelassen und es erst am nächsten Morgen bemerkt. Erwartet habe ich ausgelutschtes, leeres Gerät, das mir still den Vorwurf macht, warum ich es nicht an den begehrten Elektronenstrom angeschlossen habe. Was ich sah, verlockte mich zu einem „wow“ – das Gerät war noch zu einem Drittel geladen.

Fertige Installation

Abstands- und Bewegungssensor

Wenn wir bei deutlich spürbaren Verbesserungen sind, dann trifft das auch für die Unterstützung des Bewegungssensor bei Debian zu. Das Pinephone erkennt seine Lage im Raum und rotiert automatisch und flüssig sein Display um 90 Grad. Letztes Jahr musste es noch manuell gebeten werden.

Eine Schwachstelle ist jedoch noch geblieben und als Bug auf der To-Do Liste recht weit oben: Die Abstandsmessung erkennt weiterhin die Hand oder den Finger sobald dieser in der Nähe des oberen Bereiches ist und dimmt das Telefon ab.

Das sollte nur während einem Telefonat passieren. Bis es soweit ist, kann mit Herausnahme der udev-Regel abgeholfen werden, die das Herunterdimmen des Bildschirms bei Annäherung aber dauerhaft verhindert:6

sudo su
echo "ambient-enabled=false" >> /usr/share/glib-2.0/schemas/90_mobian-tweaks-phosh.gschema.override
mv /etc/udev/rules.d/10-proximity.rules /etc/udev/rules.d/10-proximity.rules.backup
exit

Telefonie

Im praktischen Anwendungsfall hält das Pinephone einen kompletten Arbeitstag ohne Stromzufuhr aus, was es seinem Deep Sleep Tiefschlaf verdankt. Das Zusammenspiel mit diesem besonderen Modus klappt deutlich besser, zumindest was die Telefonie betrifft.

Wer sein Smartphone als Reminder für Termine oder Wecker nutzt, sollte das besser nicht. Erst beim Wecken des Gerätes aus dem Deep Sleep heraus lärmt der Alarm, das dann in laut und mit garantiertem Fremdschäm-Faktor sollte das inmitten einer Menschenmenge oder unpassenden Situationen passieren. Das Piepen lässt sich nicht im Lock-Screen deaktivieren und zwingt zum hastigen Anmelden mit anschliessendem Swipe von oben nach unten zum Anzeigen der Ereignisse. Die Tasten „Stoppen“ und „Muten“ sind im Verhältnis zu den anderen Tasten winzig.

Befindet sich das Pinephone im Tiefschlaf dauert es 2-3 Anrufe, bis ein Anruf signalisiert wird, je nach Einstellung der Voicebox oder eines AB kann das knapp werden. Stichpunkt Voicemail: Diese Komfortfunktion des iPhones, die Visual-Voicebox, ist auf dem Pinephone nicht vorhanden.

Von der Audio-Qualiät klingen Gesprächspartner im Telefonat blechern. Das gilt auch umgekehrt für die eigene Stimme bei anderen. Da auch die Umgebungsgeräusche deutlich lauter wahrnehmbar sind, schliesse ich auf ein Software- und nicht zwangsläufig auf ein Hardwareproblem. Hier hilft ein Headset weiter und ist meiner Meinung nach noch unverzichtbar.

BT Audio

Mit der BT Freihand-Telefonie im Auto konnte ich bislang mein Pinephone auf die Schnelle nicht testen. Die Gelegenheit für längere Touren hat sich im Corona-Lockdown bisher nicht ergeben.

Was sehr gut funktioniert ist das Koppeln mit externen BT Lautsprechern, im Bild die Wiedergabe eines Videos aus dem Internet mit Tonausgabe via BT über die kleine BOSE SoundLink. Bei der Aufnahme des Bildes stolperte ich aber über einen UI/UX Glitch des Firefox. Einmal in den Vollbildmodus gewechselt, gibt es kein Zurück. Die Escape-Taste kennt die virtuelle Bildschirmtastatur nicht, eine F11-Taste ebenfalls nicht. Mir blieb nur ein zwangsweise Beenden und erneutes Öffnen des Firefox.

Eine Anbindung an meine gut sortierte MP3-Musiksammlung in der Nextcloud7 via Ampache/Subsonic ist derzeit nicht per App sondern nur im Firefox möglich, schade.

Videowiedergabe im Firefox mit BT Audioausgabe

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