14. Mai 2022, 15:21
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Der gepflegte Wochenend-Rant

Meine Damen und Herren wir schreiben das Jahr 2022. Alle modernen Betriebssysteme haben Werkzeuge zum Bearbeiten von PDFs.1 Mit Bearbeiten sind gemeint: Verschieben und Entfernen einzelner Seiten in einer PDF oder das Zusammenfügen mehrerer PDFs zu einer. Alle Betriebssysteme, bis auf Microsoft Windows. Ich habe keine Mühen und Qualen gescheut und in einer frisch installierten Windows VM extra nachgeschaut. Und hätte Google nicht in seinem Chrome die Foxit PDF-Engine verbaut und unter eine freie Lizenz gestellt2, gäbe es heute vermutlich auch keine Möglichkeit, PDFs in Windows mit dem Edge-Browser zu betrachten.

Man könnte zu dem Schluß kommen, Microsoft Windows will kein normales Betriebssystem sein wenn es seine Anwender oder typischen WWW-Administratoren3 zwingt, aus einer Flut von Dritt-Angeboten diese Funktion nachzurüsten.

In Unternehmen wird häufig der Adobe Acrobat Reader4 gewählt. Seltsamerweise hat er einen geringeren Funktionsumfang als der in Edge (aka Chrome) eingebaute Foxit. Noch mehr seltsamerweise wird der Adobe Acrobat Reader von Behörden und Verwaltungen öffentlich beworben, ohne dass diese selbst davon profitieren. Das ergab vor Jahren eine Anfrage im Bundestag.5 Nach Definition des italienischen Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla6 ist das ein dummes Verhalten und landet im Quadranten der nachfolgenden Abbildung ganz weit links unten.

Menschliche Dummheit vereinfacht dargestellt

Die Frage nach einem “Warum” kann man sich sparen. Als Antwort gibt es ein “Das ist schon immer so gewesen” oder “Sie sind der Erste, der fragt”. Auch die Titanic hat bis kurz vor Ihrem Untergang noch nie eine Kollision mit einem Eisberg gehabt.

Und so gelangt weiterhin ein träges, mehrere hundert Megabyte fettes Etwas auf die Endgeräte. Von einem Hersteller tief im Rektum der Werbeindustrie mit einer traurigen Bilanz an Sicherheitslücken und “verlorenen” Kundendaten.7 Hinzu gesellt sich ein grenzwertiges Geschäftsgebaren, wenn für Trivialfunktionen wie z.B. dem Drehen einer Seite, nervige Banner zur Bezahlung auffordern. Das ist Software im Endstadium und wir waren noch lange nicht bei der Telemetrie und Datensammlerei.

Wer im Jahr 2022 den Adobe Acrobat Reader einsetzt ist unbestreitbar in einem völlig bizarren Abzweig der Realität angekommen, der nicht zur Verwendung bestimmt ist.

Screenshot Adobe Verarsche

Andere Lösungen wie Foxit8 oder PDF-X-Change9 bieten deutlich mehr Funktionen, sind am Ende aber nur um Nuancen besser. Als proprietäre Software10 laufen diese den Sicherheitslücken hinterher und werben mit den gleichen Konzepten um zahlende Abonnenten. Sie sind nur noch nicht im Endstadium angelangt, wo Adobe ist.

Das aus Deutschland kommende PDF2411 bildet da noch eine gewisse Ausnahme. Die Frage bei dem Unternehmen geek Software GmbH12 ist, wie lange noch? Geschäftsmodelle und Köpfe ändern sich. Unternehmen werden von anderen Unternehmen übernommen.

Für mich sind alle Freemium-Angebote13 von PDF-Software gleich schlecht. Wie Drogendealer fixen Sie Ihre Anwender an, um irgendwann später Geld einzufordern. Das erfolgt meist durch subtile Änderung der Spielregeln in immer kürzeren Produktlebenszyklen. Fallen einem Hersteller keine anderen gewinnmaximierenden Methoden ein, wird kurzerhand das Erscheinungsbild verändert. Das ist der klassischer Beschiss in der Branche. Ausnahmen von der Regel sind bestenfalls Momentaufnahmen, die morgen wieder anders sein können.

So ein dauermutierendes, vor sich waberndes Softwaregeschwür will niemand in seinen produktiven Workflows und Toolchains. Und so wird auf beiden Seiten kräftig beschissen. Mir begegnen zum Beispiel Uralt-Versionsstände von irgendwelchen PDFCreator oder Adobe Distillern, die auf keinen Fall aktualisiert werden dürfen und die wortwörtlich bei jeder Installation erst dreimal vergewaltigt werden, bevor ein Anwender diese nutzen kann.

Das sind alles Anzeichen einer Abwärtsspirale eines kaputten Geschäftsmodells proprietärer Software. Ein Geschäft basierend auf der Kenntnis und der Macht über den Quellcode. In der Wirtschaftstheorie nennt man das einen asymmetrischen Informationsvorsprung14 zwischen Prinzipal und Agenten. Der Nobelpreisträger George Akerlof15 hat die grundlegenden Mechanismen in seinem Buch “The Market for Lemons” bereits in den 1970er Jahren wissenschaftlich beschrieben.16

In der Welt der vier GNU-Freiheiten17 gibt es das alles nicht. Können Sie meine Schmerzen nachempfinden, die ich erleide, wenn ich vor unfreier Software mit Ihren Beschränkungen stehe und eine Lösung zu vermeidbaren Problemen geben soll?

Der treue Leser dieses Blogs wird jetzt vermuten, dass ich mit einer Vielzahl an Alternativen um die Ecke komme oder die Zusammenstellung18 und Kampagne19 der FSFE zu PDF-Betrachtern empfehle. Leider muss ich diese Erwartung enttäuschen. Das dort genannte Sumatra ist meiner bescheidenen Meinung nach nicht eine Fußnote in diesem Blog wert. Und letztendlich ging es bei der FSFE Kampagne um PDF-Betrachter, weniger um Editoren zum Bearbeiten.

Ich habe genau einen Gegenvorschlag und möchte ein kleines, feines Werkzeug mit dem Namen PDFArranger20 vorstellen. Geschrieben in Python21, gekleidet im modernen GTK+ Framework22, basierend auf pikepdf23, das seinerseits auf das bewährte QPDF24 aufbaut.

Screenshot PDFArranger

Die Oberfläche ist erfreulich aufgeräumt und frei von “Clutter”. Sie bringt einen Hauch von Ruhe und Ästhetik des GNOME-Desktops25 in die schrille und designtechnisch kaputte Windows-Welt, wo an jeder Ecke des frischen Windows 11 Anstriches die rostigen Design-Sünden der Vergangenheit durchbrechen26. PDFArranger mag weniger Funktionen haben wie ein Foxit oder PDF X-Change, es ist aber frei, schlank und nachweislich sauber programmiert.

Sobald das Entwicklungsteam den bereits in git eingecheckten Drucken-Button27 in ein neues MSI-Releasefile packt, hat der PDFArranger das Potential, eine traurige Geschichte doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Schließlich haben auch Windows-Anwender das Recht, ganz normal mit PDFs arbeiten können, so wie es alle anderen seit Jahrzehnten auch können.

In diesem Sinne,
ein sonniges Wochenende!

Tomas Jakobs

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