20. März 2026, 17:30
Lesezeit: ca. 3 Min

Der beste Berater ist der schlechteste Umsatzbringer

In vielen IT-Systemhäusern wird die Leistung von Beratern oder Consultants über Umsatzkennzahlen gesteuert. Eine typische KPI-Logik: Jeder Mitarbeiter muss einen bestimmten Anteil seiner Personalkosten durch den Umsatz wieder einbringen. Das erscheint fair, transparent und wirtschaftlich. Doch genau hier liegt das Problem: Diese Logik führt direkt in eine Abwärtsspirale und zerstört Zusammenarbeit.

Die historische Rolle von IT-Systemhäusern

Vor vielen Jahren füllten IT-Systemhäuser eine klare Lücke. Sie waren Vermittler und Übersetzer einer komplexen IT-Welt für ihre Kunden. IT-Infrastrukturen mussten tatsächlich “auf der grünen Wiese” gebaut werden. Hardware wurde verkauft, Software ausgerollt und integriert. Service war hier der maßgebliche Teil dieser Übersetzungsarbeit und das Geschäftsmodell ruhte auf den Säulen:

  • Software- und Hardwareverkauf
  • Projekte
  • Service

Das funktioniert besonders gut, wo es ein Informationsgefälle gibt. Überall, wo Kunden nicht willens oder in der Lage sind, in eigenes Know-how zu investieren. Und es funktioniert nur mit Herstellern und Lieferanten, die ihrerseits wenig Interesse an direktem Kundenkontakt haben.

Komplexität verschoben, nicht verschwunden

Oft wird argumentiert, IT sei einfacher geworden. Komplexität als entropieähnliche Eigenschaft eines Systems verschwindet aber nicht. Sie wird abstrahiert, verlagert und hinter Technik-Stacks verborgen und folgt dabei grundlegenden physikalischen Prinzipien.1 Und so steigt neben der technischen auch die strukturelle Komplexität:

  • Lizenz- und Abomodelle
  • Vertriebs- und Partnerprogramme
  • SLA-Strukturen2

Das sind die heutigen Geschäftsmodelle von IT-Systemhäusern. Strukturelle Komplexität ist zum wesentlichen Kostentreiber in Projekten geworden. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass sich Vertriebs- oder Lizenzmodelle im raschen Tempo ändern. Verkauft wird das als Fortschritt. Ich nenne es Diffusion als modus operandi, die Simulation von Fortschritt.

In der Welt der vier GNU-Freiheiten gibt es sowas nicht.3 Dieser Teil der induzierten Komplexität entfällt gänzlich.

Komplexität reduzieren

Welche fundamentalen Ziele haben Betreiber von IT-Infrastrukturen? Systeme müssen langfristig stabil, verständlich und effizient laufen. Dahinter steckt das Prinzip der Komplexitätsreduktion:

  • Standardisierung
  • Automatisierung
  • Nutzung offener Technologien
  • Reduktion von Abhängigkeiten

Ein gutes System zeichnet sich aus, mit weniger losen Teilen auszukommen. Perfektion ist erst dann erreicht, wenn nichts mehr weggenommen werden kann. Nur so kann schneller und flexibler auf Veränderungen reagiert werden. Kommt noch inhouse gehaltenes Wissen hinzu, reduzieren sich Kosten und Abhängigkeiten von Herstellern und Dienstleistern.

Das ist der Kern von Digitalisierung.

Das Dilemma von IT-Systemhäusern

Aus technischer und organisatorischer Sicht ist die Aufgabenstellung klar: Komplexität reduzieren. In Zeiten von BigTech und einer deutlich politisierten IT mehr denn je.4

Auf der anderen Seite jedoch stehen weiterhin die Incentives und Geschäftsmodelle, die auf Komplexitätsaufbau und dem systemischen Ausnutzen eines asymmetrischen Informationsvorsprungs beruhen. George Akerlof und sein “Market for Lemons” drängt sich hier auf.5 Er beschreibt sich selbst verstärkende Abwärtsspiralen in nicht mehr funktionierenden Märkten.

Wo die großen Player rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen. Broadcom und VMware sind keine Ausnahme.6 Sie sind eher die Norm wenn ich an die OEM-Knebelverträge der 1990er von Microsoft denke.7

Was passiert mit einem Consultant, der im Sinne des Kunden weniger komplexe, vielleicht sogar bessere freie Lösungen empfiehlt? Proxmox statt Nutanix? Warum Microsoft-Lizenzen auf einem neuen Endgerät, wenn alle Fachanwendungen im Browser laufen und ein GNU/Linux auf dem Altgerät ausreicht? Er gewinnt die Sympathie und Anschlussfähigkeit beim Kunden, verliert jedoch Umsatz und Standing im eigenen Unternehmen. Denn die Kollegen werden ihn von ihren Kunden fernhalten. Wo kommen wir auch hin, wenn jemand einem den Umsatz wegnimmt?

Wie können in einem solchen System Exzellenz, Sicherheit und digitale Unabhängigkeit entstehen?

In diesem Sinne,
Tomas Jakobs

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