17. April 2022, 12:01
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Spontane Datenschutz-Selbstausbrüche

Sie wachen auf und blicken auf Ihr Smartphone. Warum zeigt es die heutigen Termine nicht an, denken Sie in Richtung Bad taumelnd. Frisch geduscht und angezogen, mit der ersten Tasse Kaffee bewaffnet, sitzen Sie kurz vor 8 Uhr an Ihrem Rechner. Die ersten E-Mails trudeln ein. Irgendwelche Deppen schaffen es nicht, den aktuellen Projektstand einzusehen und dringend benötigte Daten zu laden. Es drohen Poenale, sollten diese bis morgen nicht vorliegen, schreibt einer in großen Buchstaben mit drei Ausrufezeichen am Satzende. Sie seufzen tief, nehmen einen Schluck aus der Kaffeetasse und öffnen Ihren Web-Browser.

Die Ladezeit ist ungewöhnlich lang. Ein Teil des Projekt-Management-Portals ist bereits da, ein Teil nicht. Gegenprobe mit einem neuen Browser-Tab und einer anderen Seite. Bestimmt ist gerade das Internet weg und Sie müssen den Router im Homeoffice nur einmal starten. Doch es funktioniert alles, die andere Seite ist in Sekundenbruchteilen geladen.

Ihr Blick wandert rüber in das benachbarte Chat-Fenster, wo Sie mit den Arbeitskollegen Kontakt halten. Dort beginnen ungewöhnlich viele Chat-Nachrichten hektisch vor Ihren Augen los zu scrollen. So schnell, dass Sie mit dem Lesen nicht mitkommen. Was ist da los?

Das Smartphone auf dem Tisch brummt und reißt Sie aus der Konzentration. Der Verkaufsleiter mit einer SMS. Er braucht dringend für ein Meeting um halb 9 einige Zahlen aus der Projekt-Management-Software. Typisch Sales, unorganisiert und unvorbereitet immer am letzten Drücker. Der Mausklick zum Schließen und Neuöffnen Ihres Web-Browser war deutlich hörbar und mit Sicherheit fester als notwendig. Warum lädt die Kack-Seite nicht?

In zwei Minuten ist es acht Uhr, die Telefonanlage schaltet dann alle Anrufe auf Ihr Gerät um. Sie werfen einen Blick raus aus dem Fenster, die Sonne scheint, es ist angenehm warm und ruhig, weiter weg zwitschern die Vögel angenehm beruhigend. Ein letzter Schluck Kaffee aus der Tasse. Noch eine Minute…

Dieser szenische Einstieg zeigt, wie sich ein Anwender der weltweit bekannten Projekt-Management Plattform JIRA am 07. April gefühlt haben muss.1 Zum Zeitpunkt des Schreibens an diesem Microblog ist sie für viele immer noch nicht erreichbar. Lassen Sie sich von den vermeintlich geringen Zahlen “nur 400 Kunden” nicht in die Irre leiten. Das ist Marketing-Sprech. Hinter jedem Kunden stecken hunderte, tausende, in Konzernen sogar zehntausende Anwender. Hunderte hochqualifizierte Mitarbeiter sollen 14 Tage für die Behebung brauchen.2 Wie kaputt muss ein solches System technisch sein?

Überschlagen Sie als Unternehmer die Kosten für Ihre Mitarbeiter, die 14 Tage lang nicht arbeiten können und das ohne den Rattenschwanz an Folgeschäden, die an weiteren Schnittstellen, Queues und Webhooks entstehen. Im Worst-Case bedeutet das eine manuelle Nacherfassung aller betrieblichen Vorgänge.

Kann passieren, alles nur ein Einzelfall, ein Black-Swan3 sagen Sie? Bitte richten Sie einen Blick rüber zum Massenhoster Hetzner, dem kurz vor den Osterfeiertagen ein paar Festplatten in einem Cluster um die Ohren geflogen sind.4 Daten sind unwiederbringlich verloren gegangen.

Erinnern Sie sich noch an die Bilder des niedergebrannten OVH-Rechenzentrums in Straßburg, dem bis dato größten in Europa?5 Das war letztes Jahr. 12.000 Server komplett weggebrannt zusammen mit allen enthaltenen Daten tausender Unternehmen und Behörden. Welche von diesen Backups hatten und welche nicht, wird vermutlich nie in Erfahrung zu bringen sein.

Amazon umschrieb unlängst im besten Marketing-Sprech einen Brand in seinem Frankfurter Rechenzentrum (AWS-EU-Central-Region) mit “increased ambient temperatures”.6 Die Rechner und Services dort waren stundenlang offline.

Spontane Datenschutz-Selbstausbrüche - so kann das alles auch benannt werden.

Meiden Sie Software- und Serviceanbieter, die Ihre Daten und zentrale Betriebsabläufe extern auf fremden Servern betreiben wollen. Investieren Sie lieber in Ihre Mitarbeiter, in das eigene Know-How und Infrastruktur.

Oder kondensiert und prägnant in einem Satz zusammengefasst - das nachfolgende Sprichwort einer FSFE.org Kampagne7. Viele Jahre alt, leider aktueller denn je:

There is NO CLOUD, just other people’s computers

Ich helfe bei Aufbau von Know-How und nachhaltiger Infrastrukturen.
Hilfe zur Selbsthilfe - sprechen Sie mich an.

In diesem Sinne,
Tomas Jakobs

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