Ein Informationssplitter, der mir heute bei Heise über den Weg gelaufen ist: Die Digitalwirtschaft sei mittlerweile größer als die Automobilbranche.1 Leider hat der Autor die Pressemeldung ohne Kontextualisierung verkürzend wiedergegeben. Durch die Vielzahl der kleinen und mittelständischen Unternehmen sei keine marktbeherrschende Stellung von BigTech erkennbar:
Zugleich widerlegt die Untersuchung das Bild, die Digitalwirtschaft bestehe vor allem aus marktbeherrschenden US-Konzernen. Rund 95% der erfassten Firmen seien kleine und mittlere Unternehmen, womit der Sektor stark mittelständisch geprägt sei.
Eine Aussage komplett neben der Sache. Dass 95% der erfassten Unternehmen KMU sind, sagt nichts über die Marktmacht der übrigen 5%. Unternehmensanzahl ist weder Markt- noch Umsatzanteil. Von daher kam ich nicht umhin, selbst einen Blick in die 53 Seiten starke PDF des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V. zu werfen.2
Die Erfassung aussagekräftiger Zahlen scheitere bislang an einer “klassischen” Einordnung in WZ-Codes und Branchenschlüsseln, wo ein Konstrukt wie “Digitalwirtschaft” nicht hineinpasse, so der Bericht. Der Begriff selbst sei bislang in Statistiken, etwa denen des Statistischen Bundesamts, nicht hinreichend definiert. Kein Wort dazu, dass diese Branchenschlüssel stetig angepasst und weiterentwickelt werden.3
Abbildung der Definition Digitale Wirtschaft, Quelle: Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V.
Die Digitalwirtschaft verlaufe quer durch alle Branchen. Erst mit Gegenüberstellung von Registerdaten, Unternehmens-Websites und der öffentlichen Selbstdarstellung ergebe sich ein besseres Bild. Das war offenbar der Part, wo Crawler und AI die Websites von 1,4 Millionen marktaktiven Unternehmen durchsuchten.
Der methodische Ablauf wird zwar ausführlich beschrieben, entscheidende Informationen zur Validierung fehlen jedoch. Welches konkrete KI-Modell in welcher Version zum Einsatz kam, bleibt ebenso offen wie Treffer- und Fehlerraten. Wurde die Klassifikation an einer menschlich geprüften Stichprobe validiert? Wie wurden Verzerrungen des Modells detektiert und korrigiert? Mit den veröffentlichten Angaben lässt sich so jedenfalls nichts unabhängig beurteilen oder reproduzieren. Auch mögliche Verflechtungen der Unternehmen über Beteiligungen oder Holdingstrukturen werden nicht näher erläutert. Das wäre gerade bei der Aussage interessant, 95% der Digitalwirtschaft bestünden aus kleinen und mittleren Unternehmen.
Überblick der ermittelten Kennzahlen, Quelle: Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V.
Auch der regionale Digitalisierungsgrad überrascht nicht. Mit Ausnahme von Berlin und einzelner Städte mit ihren Speckgürteln gleiche der Osten einer großen weißen Fläche, wohingegen im Westen die Digitalwirtschaft auch in den Regionen stark vertreten sei. Augenscheinlich scheint der so konstruierte Digitalisierungsgrad mit seinen drei Kategorien eher mit der Bevölkerungs- und Unternehmensdichte zu korrelieren.
Regionale Verteilung, Quelle: Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V.
Ein Blick in die Wikipedia verrät, diese Lobbygruppe wirkt seit 1995.4 Respekt, mit dem Vermessen 30 Jahre später begonnen zu haben. Wenn die Digitalwirtschaft neu vermessen werden muss, weil sie quer durch die klassischen Branchen verläuft, warum vergleicht man diese Querschnittsgröße dann wieder mit einer einzelnen Branche? Das Neuland immer noch nicht verstanden?
Die PR hat zumindest bei mir gewirkt. Bis heute hatte ich noch nie was von dieser Lobbygruppe gehört. Vielleicht deshalb, weil diese eher der Werbewirtschaft angehört, die ich im Dahinsiechen sehe?5 Zumindest verrät das die Zusammensetzung ihres Präsidiums mit Vertretern von Ströer, Ad Alliance, Criteo und Alphabet, ein US-BigTech. Was für ein Treppenwitz: Ausgerechnet ein Verband mit großen Playern im Präsidium verkündet, die Digitalwirtschaft sei keineswegs von BigTech geprägt. Und übrigens: Der dort hinten ist größer als der hier vorne.
In diesem Sinne,
Tomas Jakobs